Real-world-Praxis von Therapiezielfindungen in der internistischen Akutversorgung
Leitung: Prim. –Priv. –Doz.Dr. Georg-Christian Funk
Vertretung: Dr. Sophie Rundel
Studienkoordination: Almas Merchant, M.P.H.
Start: 2019
Projektmitglieder an der Klinik Ottakring: Dr. Sophie Rundel, Dr.Sabine Publig
Projektinformation/Beschreibung/Zielsetzung:
Der individuelle Patient*innenwille und die medizinische Indikation bilden gemeinsam die beiden zentralen Säulen jeder medizinischen Entscheidungsfindung. Aufgrund des medizin-wissenschaftlichen Fortschritts wächst die Diskrepanz zwischen dem, was medizinisch möglich ist und dem, was therapeutisch-ethisch vertretbar erscheint. Insbesondere in End-of-Life-Situationen und bei intensivmedizinischen Maßnahmen ist es entscheidend, den Willen der Patient*innen frühzeitig zu erheben und klare Therapieziele sowie -begrenzungen festzulegen. Während auf Intensivstationen bereits etablierte Dokumentationssysteme zur Festlegung von Therapieentscheidungen basierend auf medizinischer Indikation, Prognose und Patient*innenwillen existieren, fehlt es auf Normalbettenstationen an einer routinemäßigen Anwendung solcher Instrumente.
Daher wurde an der 2. Medizinischen Abteilung mit Schwerpunkt Pneumologie der Klinik Ottakring in Wien, Österreich, ein Dokumentationsblatt zur Therapiezielfindung entwickelt, welches eine systematische Erfassung der Entscheidungsfindung – auf Basis der medizinischen Situation und des Patient*innenwillens – sowie der Festlegung individueller Therapieziele und -begrenzungen ermöglicht, und dieses in die klinische Routine integriert. Zwischen Januar 2019 und April 2020 wurden prospektiv 301 Dokumentationsblätter zur Therapiezielfindung gesammelt und retrospektiv ausgewertet. Ziel der Analyse war es, anhand von Real-World-Daten die Aspekte der medizinischen Indikation, der Therapiezielsetzung und des Patient*innenwillens auf einer Normalbettenstation systematisch zu beschreiben.
Zusammenfassend zeigten die hier erhobenen Real-World Daten, dass als medizinische Grundlage für eine Therapiezieländerung oftmals Multimorbidität und Vorerkrankungen herangezogen werden. Frailty wurde selten explizit vermerkt; allerdings ergaben sich in ca. 25% Hinweise für Frailty aus der ärztlichen Dokumentation. Hinsichtlich des Patient*innenwillens wurden in ca. 40% die Patient*innen selbst als entscheidungsfähig eingeschätzt, in weiteren 40% wurde der mutmaßliche Patient*innenwille aus Gesprächen mit den Angehörigen ermittelt. Das durchschnittliche Alter des Patient*innenkollektiv betrug 81,7 Jahre (Spanne: 45-102 Jahre), 55% waren Frauen. In 94% wurde eine umfassende Symptomkontrolle als vorrangiges Therapieziel gewählt, die bestmögliche Nutzung der verbleibenden Lebenszeit wurde in 34% der Fälle priorisiert, (Mehrfachnennungen waren möglich). Die häufigste Therapielimitierung war die Anordnung “Nicht wiederzubeleben” (DNR) mit 96%, gefolgt von den Anweisungen „nicht zu intubieren“ (DNI) in 91% und „nicht zu tracheotomieren“ in 89%.
Die Ergebnisse dieser Analyse zeigen, dass eine medizin-ethische Entscheidungsfindung auf einer internistischen Normalbettenstation in der Praxis umsetzbar ist. Eine strukturierte Erfassung der medizinischen Situation – einschließlich relevanter Faktoren wie Frailty – ist sinnvoll, die Erhebung des Patient*innenwillens erforderlich. Die hierdurch gewonnenen Erkenntnisse sollen dazu beitragen die Methodik der Therapiezielfindung sowie deren praktische Anwendung weiterzuentwickeln. Durch gezielte Therapiebegrenzungen soll der Patient*innenwille gestärkt und unnötige Übertherapien vermieden werden, was zu einer Entlastung von Patient*innen, Angehörigen und dem Behandlungsteam führt.